Ein Meteoritenkrater in Bayern - Unterwegs im Nördlinger Ries

von Markus Dähne

Einschläge (=Impakte) von Meteoriten haben das Gesicht vieler Himmelskörper in unserem Sonnensystem geprägt. Auf Körpern wie dem Mond, bei denen die Kräfte der Erosion durch das Fehlen von Atmosphäre und Plattentektonik vergleichsweise gering wirken, sind Einschlagskrater in grosser Zahl zu sehen. Auf der Erde hingegen hat die Erosion solche Krater immer wieder zerstört, so dass heute nur wenige gut erhaltene Impaktstrukturen zu finden sind. Eines der am besten erhaltenen Exemplare liegt aber fast vor unserer Haustür: Das Nördlinger Ries.


Blick vom Gipfel des Ipf in die Kraterebene des Rieses.
Im Vordergrund sind Jahrtausende alte Wallanlagen zu sehen.

Vor ca. 15 Millionen Jahren schlug ein wahrscheinlich knapp 1 km grosser Steinmeteorit in die Fränkische Alb ein. Aus westlicher Richtung kommend, durchlief er die Erdatmosphäre fast ungebremst. Aufgrund des ungeheuren Druckes und der hohen Temperaturen wurde ein Teil der Landoberfläche aufgeschmolzen und kleine Glastropfen wurden über mehrere hundert Kilometer ausgeschleudert. Solche Glasfragmente, Tektite genannt, werden heute in Böhmen und Mähren gefunden und als Moldavite bezeichnet.


Moldavit.

Als nächstes durchschlug der Meteorit die Sedimentgesteine der Trias- und Jura-Zeit, aus denen die Fränkische Alb aufgebaut ist, und drang bis in den kristallinen Untergrund ein. Die Sedimentgesteine wurden zertrümmert, überkippt und teilweise durchmengt. Die sog. Bunten Trümmermassen, die das ganze Ries-Vorland überdecken, sind auf diese Weise entstanden. Weissjura-Kalkblöcke flogen z.T. zig Kilometer weit.

Der Meteorit und das unmittelbar benachbarte Gestein verdampften und verliessen als glühende Wolke den Krater. Aus aufgeschmolzenem Material überwiegend aus dem kristallinen Untergrund entstand ein besonderes Gestein, der Suevit, der sich über den Bunten Trümmermassen ablagerte. Suevit ist ein recht bröckeliges Material, das zum grössten Teil aus natürlichem Glas besteht. Eingeschlossen im Suevit sind häufig dunkle sog. Glasbomben, die beim Einschlag in zähflüssigem Zustand ausgeworfen und aerodynamisch verformt wurden. Da der Meteorit vollständig verdampfte, konnten auch keine Reste von ihm gefunden werden - ein Grund, weshalb man lange Zeit dachte, der Rieskrater sei vulkanischen Ursprungs.


Suevit (hell) überlagert Bunte Trümmermassen.
(Steinbruch Aumühle)



Suevit, mit dunklen 'Glasbomben'.

Blasige Struktur einer Glasbombe.

Der Primärkrater hatte zunächst einen Durchmesser von etwa 8 km, Absenkungen rundherum erweiterten den Krater auf die heutigen 24 km. Der Untergrund des Kraters federte nach dem Einschlag zurück, so dass auch Kristallingesteine an die Oberfläche gelangten. Sie bilden im Ries einen inneren Ringwall.

Anschliessend füllte sich der Krater mit Wasser, das zunächst noch sehr salzhaltig gewesen sein muss, wie man aus bestimmten Fossilfunden schliesst. Erst im Laufe der Zeit muss der Ries-See ausgesüsst sein, bis er nach etwa 2 Millionen Jahren vollständig mit Sedimenten aufgefüllt war. Trotz des eher trockenen Klimas zu der Zeit war der See reichhaltig belebt, an Fossilien fanden sich u.a. Schnecken, Algen-Bauten sowie Reste von Reptilien, Vögeln und Säugetieren. Später schnitten sich Flüsse und Bäche immer tiefer in die Landschaft ein, so dass die Sedimente des Ries-Sees grossteils ausgeräumt wurden und das Ries in seiner heutigen Form entstand.


Riesseekalk, mit zahlreichen
fossilen Schneckenschalen.

Ist man heute im Nördlinger Ries unterwegs, so kann man an vielen Stellen den Aufbau dieses Meteoritenkraters nachvollziehen. Von günstigen Aussichtspunkten hat man einen guten Überblick über die gesamte Kratersenke, und in Steinbrüchen finden sich die typischen Ries-Gesteinsformationen, wie sie - zumindest in Bayern - einmalig sind.

Nördlinger Ries - Geologische Übersichtskarte