Chile - Eine Reise ins Land der großen Sternwarten

von Markus Dähne

Zum wiederholten Mal führte die Leserreise der Zeitschriften 'Sterne&Weltraum', 'Astronomie heute' und 'Spektrum der Wissenschaft' im Februar 2007 ins südamerikanische Chile. Im Norden des Landes, insbesondere in der extrem trockenen Atacama-Wüste, finden die Astronomen nahezu perfekte Bedingungen für ihre Beobachtungen. Aus diesem Grund entstanden in den unwirtlichen, abgelegenen Bergregionen Nordchiles in den letzten Jahrzehnten etliche Groß-Observatorien.

Das erste Ziel der Reise war die chilenische Hauptstadt Santiago, wo wir zwei Tage Großstadt-Flair erleben konnten. Historische Gebäude stehen hier neben modernen Hochhäusern, und die Geschäftigkeit der 6-Millionen-Einwohner-Stadt ist bemerkenswert.

Per Flugzeug ging es weiter nach La Serena, nördlich von Santiago gelegen. Deutlich ruhiger geht es zu in dieser Küstenstadt, wenn sich auch nachmittags der lange Sandstrand mit Leben füllt.
Auf dem Universitätshügel befinden sich auch Gebäude von verschiedenen Institutionen, die die großen Observatorien betreiben.

Von La Serena aus unternahmen wir u.a. einen Ausflug zur Choros-Insel, die mit ihrer reichhaltigen Tierwelt - darunter Delphine, Seehunde, Pelikane und Humboldt-Pinguine - beeindruckte.

In der Umgebung von La Serena befinden sich gleich vier der großen Observatorien Chiles. Als erstes stand eine Besichtigung von Las Campanas auf dem Programm, 2282 m über dem Meeresspiegel gelegen. Hier befinden sich fünf Kuppeln: Die Universität von Warschau betreibt ein 1.25m-Teleskop. Die übrigen vier unterstehen der Carnegie Institution in Washington: Das 1m-Henrietta-Swope-Teleskop, das 2.5m-Irénée-du-Pont sowie die beiden 6.5m-Magellan-Teleskope. Letztere wurden 2002 fertiggestellt; ihre Hauptspiegel sind erstaunlich lichtstark (f/1.25).
Eines der beiden, das London-Clay-Teleskop, konnten wir auch in Bewegung erleben.
 


Observatorium Las Campanas.

Kuppelgebäude der beiden 6.5m-
Magellan-Teleskope.

London-Clay-Teleskop.

6.5m-Hauptspiegel des 
London-Clay-Teleskops.

35km südlich von Las Campanas liegt La Silla, das erste Observatorium der ESO (Europäische Südsternwarte). Mehr als 15 Teleskope stehen auf dem langgezogenen Bergsattel auf etwa 2400m Höhe, einige davon sind nicht mehr in Betrieb, da mittlerweile leistungsstärkere Teleskope existieren.
Als erstes besichtigten wir das 2.2m-MPG/ESO-Teleskop von Zeiss, aus dem Jahre 1984, ein Ritchey-Chretien-System auf äquatorialer Montierung.
Auf dem höchsten Punkt von La Silla thront das 3.6m-Teleskop von 1977, mit seinem 1.4m-Coude-Hilfsteleskop in separater Kuppel. Etwas unterhalb steht das 3.6m-NTT (New Technology Telescope), an dem mehrere revolutionäre Neuerungen im Teleskop- und Kuppelbau ausprobiert wurden. So kam hier erstmalig Aktive Optik zum Einsatz, die verhindert, das der Spiegel sich bei Bewegung unter seinem eigenen Gewicht verformt und sich damit die Bildqualität verschlechtert.
Anschliessend besichtigten wir noch das schwedische ESO-Submillimeter-Teleskop, eine 'Schüssel' mit 15m Durchmesser, welches mittlerweile ausser Betrieb gestellt wurde.


Observatorium La Silla.

2.2m-MPG/ESO-Teleskops, NTT 
und 3.6m-Teleskops (v.l.n.r.).

2.2m-MPG/ESO-Teleskop.

3.6m-Teleskop.

New-Technology-Telescope (NTT).

Schwedisches 15m-Radioteleskop (SEST).

Östlich von La Serena erstreckt sich das Valle Elqui, ein fruchtbares Tal, in dem viele verschiedene Früchte angebaut werden. In seiner Nähe stehen zwei weitere Großsternwarten: Zum einen das Interamerican Observatory (CTIO) auf dem Cerro Tololo in 2200m Höhe, das dominiert wird von der Kuppel des 4m-Blanco-Teleskops und daneben noch einige kleinere Geräte unter 2m Spiegeldurchmesser beherbergt.


Interamerican Observatory
auf dem Cerro Tololo.

10km südöstlich des Cerro Tololo, auf dem 2715m hohen Cerro Pachon, steht die gigantische Kuppel des 8.1m-Gemini-Süd-Teleskops, einem Ritchey-Chretien-System mit über 340t bewegter Masse. Klein wirkt dagegen die Kuppel des 2004 fertiggestellten 4.1m-SOAR-Teleskops, 200m von Gemini Süd entfernt. Dessen Spiegel überrascht mit einer Dicke von nur 10cm.


Observatorium auf dem Cerro Pachon.

Kuppel des SOAR-Teleskops.

4.1m-SOAR-Teleskop.

Kuppel des 8.1m-Gemini-Süd-Teleskops.

Der nächste Flug führte weiter Richtung Norden, nach Antofagasta. Kurz vor dem Landeanflug konnten wir vom Flugzeug aus schon einen Blick auf das VLT, das größte Observatorium in Chile, werfen, das wir am letzten Tag unserer Reise besuchten.
Zunächst aber ging es per Bus in die Atacama-Wüste, nach San Pedro de Atacama. Diese Oase ist ein beliebter Ausgangspunkt für Ausflüge in die Umgebung. Unweit von San Pedro durchwanderten wir die Salzkordillere, deren Gesteine oft mit Salz und Gips überzogen sind oder auch ganz aus Salz bestehen. Im Valle de la Luna, einer unwirklich anmutenden Landschaft, genossen wir die faszinierenden Farben im Licht der untergehenden Sonne.

Am Morgen brachen wir um 4 Uhr auf zum Geysirfeld El Tatio. Die Dunkelheit nutzten wir, um einen Blick auf den morgendlichen Südhimmel zu werfen, der sich nun in seiner ganzen Pracht zeigte: Die Milchstraße mit ihren reich strukturierten Dunkelwolken, das Kreuz des Südens, die Magellanschen Wolken - ein schon mit bloßem Auge überwältigender Anblick. Dazu das Zodiakallicht, Jupiter und die aufgehende Mondsichel. Auch der Komet McNaught war noch freisichtig auszumachen, auch wenn seine große 'Show' schon ein paar Wochen vorher zu Ende ging.


Jupiter (Mitte oben), Milchstraße und 
der aufgehende Mond.

Große Sagittariuswolke mit dem Lagunen-
Nebel (ob.li.) sowie den Sternhaufen M6 
(ob.re.) und M7 (un.re.).

Umgebung des Eta-Carinae-Nebels.

Alpha/Beta Centauri (li.) und das Kreuz 
des Südens mit dem 'Kohlensack'.

Große Magellansche Wolke.

Komet McNaught.

Das Geysirfeld El Tatio, auf 4300m Höhe gelegen, entfaltet bei Sonnenaufgang seine ganze Pracht, wenn die Dampfsäulen in der kühlen Luft besonders hoch reichen. Wer die Bademöglichkeit in den dortigen Wasserlöchern nicht genutzt hat, konnte dies auf der Rückfahrt nachholen: Der Thermalfluss Puritama bietet angenehm warmes Wasser in eigens aufgestauten kleinen Becken.

Südlich von San Pedro erstreckt sich der 3000 qkm große Salar de Atacama, einer der größten Salzseen der Erde. In seinen flachen Lagunen lassen sich u.a. verschiedene Flamingo-Arten beobachten. An der Hochland-Lagune Miscanti in 4000m Höhe konnten wir danach das Panorama der schneebedeckten Anden-Vulkane sowie den Besuch einer Lama-Herde geniessen.
Unweit des Salar de Atacama wird derzeit ALMA, das Atacama Large Millimeter Array gebaut, eine Anlage aus 64 Radioteleskopen von je 12m Durchmesser, das ganze in 5000m Höhe.

Die Rückfahrt nach Antofagasta führte uns vorbei an Kupferminen und Geisterstädten aus der Zeit des Salpeter-Abbaus. An der Küste, etwas nördlich von Antofagasta, sahen wir das Felsentor La Portada. In der 300.000-Einwohner-Stadt Antofagasta besuchten wir u.a. den Hafen und den Fischmarkt.

Der astronomische Höhepunkt der Reise folgte am letzten Tag: Der Besuch auf dem 2635m hohen Cerro Paranal, wo die ESO das VLT (Very Large Telescope) betreibt. Auf dem eigens geschaffenen Gipfel-Plateau stehen die großen Kuppeln der vier 8.2m-Teleskope ANTU, KUEYEN, MELIPAL und YEPUN. Diese können - gemeinsam mit den vier 1.8m-Hilfsteleskopen - zu einem Interferometer, dem VLTI, zusammengeschaltet werden, was eine theoretische Auflösug von 0.0005 Bogensekunden ermöglicht.
Wir konnten zunächst das Teleskop KUEYEN besichtigen und danach noch einen Blick in das Kontrollzentrum sowie in das Wissenschaftler-Hotel werfen. Hier überraschte uns ein tropischer Garten mit Schwimmbecken.


VLT-Observatorium auf dem Cerro Paranal.

Kuppeln der VLT-Teleskope YEPUN, ANTU, 
KUEYEN und MELIPAL (v.l.n.r.).

Im VLT-Kontrollraum.

KUEYEN, das 'Unit Telescope 2'.

In der KUEYEN-Kuppel.

Blick auf den Hauptspiegel von KUEYEN.

Zwei der vier Hilfsteleskope.

Tropischer Garten im 
Wissenschaftler-Hotel.

Durch die Mars-ähnliche Landschaft in der Umgebung des Cerro Paranal ging es zurück nach Antofagasta, von wo aus wir die lange Heimreise nach Deutschland antraten.